Geburt in der Weihnachtsnacht

Während dieser Weihnachtszeit habe ich öfters darüber nachgedacht, dass dieses Fest einem Geburtserlebnis der etwas anderen Art zugrunde liegt. Auch wenn es schon wirklich lange her ist und ich nicht sicher sagen kann, wie Geburten zu dieser Zeit verliefen, vermute ich dass die meisten Kinder zu Hause geboren wurden. Maria hingegen musste hochschwanger an einen ihr völlig fremden Ort wandern und dort in einem Stall ihr Kind entbinden. Ich habe ja von Frauen gehört, die ihre Kinder auf dem Weg zum geplanten Geburtsort, im Hausflur, auf dem Weg zum Auto oder im Auto bekommen haben. Auch sie hatten wohl keine Wahl und hätten sich wahrscheinlich einen anderen Ort ausgesucht. Dennoch reicht meine Vorstellung nicht so weit, eins meiner Kinder in einem Stall neben Rind und Schaf auf stacheligem Stroh geboren haben zu können.  Aber vielleicht war es gar nicht so unromantisch wie wir es uns vorstellen. Immerhin war dieses Kind das Wunderkind Jesus und ich würde mir für Maria schon sehr wünschen, dass sie wenigstens unter den Wehen vor langen Strapazen bewahrt wurde, schließlich hatte sie bis dahin ja schon einiges mitgemacht. Leider ist kein genauerer Geburtsbericht überliefert als dieser:
Maria war schwanger, und als sie in Bethlehem waren, kam für sie die Zeit der Entbindung.  Sie brachte ihr erstes Kind zur Welt. Es war ein Sohn. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn dann in eine Futterkrippe, weil in der Unterkunft kein Platz für sie war.“ (Die Bibel, Lukasevangelium)

Nicht gerade aussagekräftig diese Berichterstattung. Aber wir können uns leider ausmalen, dass eine sechzehnjährige, die ihr erstes Kind bekommt laut Statistik wahrscheinlich keine schnelle und harmlose Geburt erleben durfte…(Zu gerne wüsste ich, wie der arme Josef so ganz allein mit dieser Geburt im Stall zurechtkam…)

Leider ist die Geburt aus der ersten Weihnachtsnacht in mancherlei Hinsicht auch heutzutage noch Realität, obwohl wir hier in Deutschland doch eigentlich eines der besten Gesundheitssysteme genießen dürfen und Hygiene zumindest auf dem Papier sehr groß geschrieben wird. Immer wieder hört man Berichte von Marias, die unter starken Wehen am Tor ihrer auserwählen Geburtsstation anklopfen und weggeschickt werden. „Kein Patz, kein Personal, keine Chance für dich hier jetzt dein Kind zu bekommen“. Sicher, diese Marias werden dann in eine andere Klinik gebracht, und nicht in einen Stall. Dennoch schockiert mich dieser Zustand zunehmend. Schwangere klingeln bei zig Hebammen an und werden überall abgewimmelt, Frauen wünschen sich eine Geburtshausgeburt und hören nur: „Zu spät, schon voll…“. Als ich Anfang des Jahres zum Infoabend im Geburtshaus war, gab es Tränen bei vielen Schwangeren, die sich aus Unwissenheit einfach zu spät um die Anmeldung gekümmert hatten. Für die Hebammen die ich kenne, die ihren Beruf mit Herzblut ausüben (was ich mir von allen Hebammen dieser Welt wünschen würde), ist es absolut herzzerreißend Frauen die Tür vor der Nase zuschlagen zu müssen und sie sind die Letzten, denen man an dieser Situation die Schuld geben darf.Unter der Geburt sind wir Frauen wenn wir mal ehrlich sind, doch beinahe so hilflos wie einst das kleine Jesuskind in der Krippe und ohne persönliche und mitfühlende Begleitung wären wir sowas von aufgeschmissen gewesen. Wir alle sehnen uns danach, dieses eine perfekte Geburtserlebnis zu haben. Wir sehnen uns nach Selbstbestimmung und wortlosem Verständnis, nach Schmerzfreiheit und der perfekten Familienidylle im Anschluss. Wir wünschen uns den Himmel auf Erden. Und auch wenn ich glaube, dass wir vieles davon wirklich Realität werden lassen können, wenn wir daran glauben, davon träumen und bereit sind dafür zu kämpfen, werden wir das „perfekt“ in diesem Leben nie erreichen… Wir müssen uns damit abfinden, dass wir hilflos sind wie ein neugeborenes Baby, erst dann können wir nach dem streben, was durch Weihnachten erst begann…

Ich wünsche uns allen, dass wir mit unseren Geburtserlebnissen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, Frieden schließen können… Und da uns das allein oft schwerfällt wünsche ich uns, dass wir gegenseitig offene Ohren haben und den Mut uns einander zu öffnen, wenn wir traumatische Geburtserlebnisse verarbeiten müssen. Denn ich möchte noch einmal daran erinnern: Eigentlich sind wir alle wie ein Baby, auf Hilfe, Aufmerksamkeit, Fürsorge und Liebe angewiesen.

„Weil ja der Mensch durch eigenen Hochmut gefallen ist, wendet die göttliche Weisheit die Niederigkeit an, um ihn zu heilen.“ (Augustinus)

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