Ein schneller Geburtsbericht

Lange vor der Geburt unseres 2. Kindes habe ich mir gewünscht, dass diese Geburt anders verläuft als die erste. Bei der Geburt meines Sohnes vor zwei Jahren war nichts dramatisch, aber es war ein langer Kampf, ein Marathon den ich lange verarbeiten musste. Um diesmal grundlegend andere Voraussetzungen zu haben meldeten wir uns ganz zu beginn der Schwangerschaft im Geburtshaus an. Schon bei der überfüllten Besichtigung Anfang des Jahres musste ich meine Tränen zurückhalten weil alles was die Hebammen dort sagten so sehr meinen Wünschen und Vorstellungen einer natürlichen und selbstbestimmten Geburt entsprach. Ich wusste sofort, dass diese Frauen genau das unterstützen würden was ich mir wünschte.

Im laufe der Schwangerschaft hingen meine Sorgen zwischen einem geplanten Kaiserschnitt (weil sich das Baby erst sehr spät in Startposition gedreht hatte) und einer zu schnellen Sturzgeburt. Beides schien mir nicht erstrebenswert, wobei ich ansonsten voller Neugierde und ohne jegliche Angst der Geburt entgegensah. Ich wusste, egal wie es werden würde, mein Körper hatte dies schon einmal geschafft und würde es wieder schaffen… komme was wolle!

Wir warteten und hofften schon Tage vor dem errechneten Geburtstermin auf die „richtigen Wehen“. Ich hatte schon lange immer wieder Senk- und Vorgehen und das Baby war schon relativ tief gerutscht. Am Abend des 3. Oktober fühlte sich mein Bauch noch tiefer an als bisher und wir hatten große Hoffnungen, dass sich unser Baby nun langsam auf den Weg machen würde. Gegen 1:30 Uhr holte mich eine deutliche Wehe aus dem Schlaf, drei Wehen mit einem Abstand von ca. 7 Minuten hielt ich noch im Bett aus, bis ich mich dann leise aus dem Zimmer schlich um meinen Mann und unseren „großen“ nicht zu wecken. Im Wohnzimmer lief ich auf und ab und lies die Uhr nicht aus dem Blick. Die Wehen wurden innerhalb kürzester Zeit deutlich stärker und ich zögerte nicht mehr meinen Mann zu wecken. Gemeinsam stoppten wir die Uhr und ich konnte kaum mehr Beginn und Ende der Wehen unterscheiden. Wir entschieden keine Zeit mehr zu verlieren und alarmierten zuerst meine Mutter, die sich um unseren Sohn kümmern sollte. Als nächstes telefonierten wir mit der Hebamme aus dem Geburtshaus, die uns schnell uns sanft erklärte, dass sich unser Wunsch einer Hausgeburt leider nicht erfüllen würde, weil bereits eine andere Frau im Geburtshaus in den Wehen lag und sie daher vor Ort bleiben müssten. Sie hörte sich übers Telefon meine Wehen an und riet uns, das nötigste zusammenzupacken und uns auf den Weg zu machen. In den nur noch sehr kurzen Pausen zwischen den Wehen zog ich mich an und packte die für mich und das Baby wichtigen Dinge ein. Als meine Mutter kam und mich stöhnend über den Tisch gebeugt sah, versicherte sie mir ohne zu zögern: „Diesmal wird es schneller gehen!“. Mit dieser Hoffnung stiegen wir ins Auto. Die 10-minütige Fahrt (die ich deutlich länger empfand) verbrachte ich stöhnend und betend auf der Rückbank. Ab der Hälfte der Strecke war mein einziges Gebet: „Jesus, bitte lass es uns noch bis zum Geburtshaus schaffen, bitte noch nicht jetzt, bitte nicht hier im Auto!“. Ich musste den Dang zu pressen schon unterdrücken. Im Geburtshaus angekommen hatte ich dann kaum mehr Gelegenheit meine Hose auszuziehen und es gab kaum eine Wehenpause damit die Hebamme untersuchen konnte wie weit der Muttermund geöffnet war. Ich musste mir ein lautes „Halleluja“ unterdrücken als sie gegen 3:00 Uhr sagte, dass der Muttermund schon fast ganz offen ist. Dieser Moment, als ich vor dem Bett kniend wusste, dass es diesmal schnell gehen würde war unbeschreiblich. Ich hätte mir zu diesem Zeitpunkt auch absolut nicht vorstellen können diesen Druck lange ertragen zu können. Nun durfte ich ohne Angst pressen… In der nächsten Wege platze die Fruchtblase. Die Hebamme erklärte uns, dass wir in der nächsten Pause in Position gehen sollten, mein Mann aufs Bett und ich in der tiefen Hocke vor ihm auf dem Boden. Es gab keine Pause mehr und sie entschied: „Ok, wir machen das sofort“. Jetzt konnte ich schon das Köpfchen fühlten. „Es wird jetzt sehr drücken, du musst über den Druck hinaus pressen“. Das tat ich und schon lag mein Baby vor mir auf dem Boden. Ich konnte es nicht fassen und wusste nicht was zutun war. Die Hebamme befreite mein Baby von der Nabelschur, die locker um ihren Hals lag und legte sie mir sanft in die Arme, weil ich selbst zu verdutzt war um sie zu nehmen. Ich erinnere mich nur noch wie ich ihre weiche und wundervoll warme Haut spürte und sagte: „So schnell, jetzt bist du schon da, so schnell…“. Wir fühlten die Nabelschnur pulsieren und plötzlich gab mein Kreislauf nach. Die Hebamme reagierte blitzschnell, nahm mir das Baby aus dem Arm, gab es meinem Mann, rief nach Verstärkung und nabelte ab um meinen Kreislauf nicht weiter zu schwächen. Ich nahm alles nur noch verschwommen wahr, bis ich dann auf dem Bett lag und wieder zu mir kam. Dieses Gefühl sollte ich in den nächsten Tagen leider noch sehr oft verspüren… Im liegen konnte ich die Kleine nun wieder zu mir nehmen, sie saugte sofort kräftig an meiner Brust und wir gaben ihr ihren Namen: Nahla Marleen. Die nächsten 1-2 Stunden waren geprägt von ausgiebigem kuscheln und dem Versuch meinen Kreislauf zu stabilisieren. Die Geburt im Nebenraum ging nur schleppend voran und ich litt mit der Frau, die man hin und wieder schreien hörte. Wie unfair war es, dass sie schon so lange in den Wehen lag und ich ankomme, dreimal schreie, kurz presse und mein Kind nur 20 Minuten nach unserer Ankunft im Geburtshaus in den Armen halten durfte. Bei der Geburt meines Sohnes hingegen war ich diejenige, bei der es nicht voranging, einige andere Frauen überholten mich damals deutlich hörbar in den benachbarten Kreissälen. Ich wusste schon immer, dass die Hebammen aus dem Geburtshaus einen extrem herausragenden Job machen, aber in dieser Nacht waren sie Heldinnen. Eine dritte Hebamme, die wenige Stunden vorher bereits eine Geburt hinter sich hatte wurde noch einmal geweckt und kam um mich zu nähen (davor hatte ich großen Respekt, weil es beim letzten Mal wirklich schrecklich war und die Ärztin ihren Job dabei einfach nicht gut gemacht hat). Diesmal war es ein Spaziergang und ich bin so dankbar, dass die Wunden gut und schmerzfrei versorgt wurden. Drei Geburten in einer Nacht – das passiert nur selten im Geburtshaus und ist für die Hebammen enorm kräftezehrend. Diese Heldinnen lassen sich das aber nicht anmerken und kümmern sich um jede Frau mit absoluter Hingabe und immer einem Lächeln und positiven Worten auf den Lippen. Sie versorgten mich mit Essen, wuschen mich im Bett (da ich noch nicht aufstehen konnte) und unterstützten mich in jedem meiner Wünsche. Da mein Kreislauf das aufstehen leider noch nicht verkraftete war es sehr fraglich, ob ich es nach 3-4 Stunden (die übliche Zeit die man nach der Geburt im Geburtshaus verbringt bis man nach Hause fährt) schaffe die kurze Strecke bis zum Auto zurückzulegen. Alternativ hätte ich ins Krankenhaus verlegt werden können (absolut keine Option für mich!!!) oder weitere 2-4 Stunden auf einen Krankentransport warten müssen, der mich liegend bis nach Hause ins Bett transportiert hätte. Mein Wille war groß, das spürten die drei schnell und unterstützten mich in meinem Vorhaben die wenigen Meter bis zum Auto zu schaffen. Mehrere Versuche aufzustehen misslangen. „So, jetzt wagen wir noch einen Versuch, du stehst auf, hält deinen Kopf hoch, wir stützen dich und du läufst einfach schnell los“. Mit eisernem Willen tat ich genau das, wir machten auf halber Strecke eine Pause, Beine hoch, Herz-Kreislauf-Tropfen immer wieder in den Mund und dann mit vereinten Kräften aus der Tür, rein ins Auto. Überglücklich und dankbar lies ich mich in den Sitz fallen. Jetzt war alles gut, wir hatten es ohne ärztliche Hilfe, ohne Krankenhaus und ohne langen Kampf geschafft. Keine zwei Stunden nachdem ich zu Hause wach wurde, wurde unser Baby um 3:20 Uhr geboren und jetzt um 7:00 Uhr waren wir wieder auf dem Heimweg, mit einer friedlich schlafenden Nahla auf der Rückbank.

Geburt auf dem Mond

Es fällt mir nicht immer leicht Dinge zu tun, die nicht jeder tun würde und dazu zu stehen, dass ich sie für mich, für uns, für diese Situation für richtig empfinde. Sehr schnell habe ich das Gefühl mich für meine Entscheidungen rechtfertigen zu müssen, erklären zu müssen, bis mein Gegenüber meine Meinung annimmt…

So geht es mir auch bei der Entscheidung, oder besser bei der Notdürftigkeit darüber sprechen zu müssen, unser zweites Kind im Geburtshaus zur Welt zu bringen. So sehr ich davon überzeugt bin, den Hebammen dort vertraue und mich wohlfühlen, so schwer fällt es mir dennoch den Vorurteilen oder oft auch nur der Unwissenheit anderer gegenüberzutreten. Nicht selten werde ich von Freunden und Bekannten angestarrt als würde ich sagen, dass ich plane unser Kind auf dem Mond zur Welt bringen, wenn ich auf die Frage in welcher Klink wir entbinden werden mit der Antwort: „Wir planen nicht in die Klink, sondern ins Geburtshaus zu gehen“ um die Ecke komme. Sicherlich fragen sich viele tatsächlich, von wessen Geburtshaus ich denn sprechen würde – aber die Blöse der Unwissenheit gibt sich ja auch keiner. Ich selbst habe lange Zeit gedacht die wunderschöne alte Stadvilla mit dem Schild „Geburtshaus Bielefeld“ stünde im übertragenen Sinne für die Entstehung der Stadt. Heute weiß ich, dass hier schon viele Kinder auf sehr natürlichem und absolut sicherem Wege, ganz ohne Ärzte, Hektik und Geräteüberwachung auf die Welt gekommen sind. Ich weiß aber auch, dass die Hebammen dort wissen was sie tun können, sich aber auch den medizinischen Grenzen bewusst sind und niemals ein Risiko auf Kosten von Mutter und/oder Kind eingehen würde.

Jetzt sitze ich hier, neben mir der große Korb mit allen Utensilien die für eine Hausgeburt benötigt werden. Ja, wir gehen noch einen kleinen Schritt weiter in die medizinische Gefahrenzone, wir sind ja ach so mutig, naiv, individualistisch, alternativ…

Vielleicht sind wir von allem ein bisschen, aber eigentlich empfinde ich es nicht als sonderlich mutig und all das…

Vielleicht ist es in der aktuellen Situation in deutschen Kreissälen sogar mutiger in einer Klink entbinden zu wollen!? Aber lassen wir diese verzwickte und traurige Lage mal außen vor. Für mich, für uns fühlt es sich genau richtig an und ich wünsche mir so sehr, dass dieser Plan aufgeht. Ich wünsche mir, unser Kind auf einfachem und natürlichem Wege an dem Ort zur Welt zu bringen, an dem wir uns am wohlsten fühlen, an dem Ort an dem es aufwachsen wird, an dem es so riecht wie wir riechen, an dem es mit uns lachen und weinen wird, an dem Ort an dem wir Familie sind und leben.

Ich bin mir dessen bewusst, dass es sein kann, dass ich all die Handtücher, Unterlagen und Mülltüten unbenutzt und wahrscheinlich unter Tränen wieder aus dem großen Korb auspacken muss. Aber ich wünsche mir, dass dann die Freude über unser Kind und über meine Fähigkeit als Frau es geboren zu haben (egal auf welchem Wege und an welchem Ort) überwiegen wird.

Was ich mir außerdem wünsche ist, dass jede werdende Mutter frei entscheiden kann, wo und auf welchem Wege sie ihr Kind zur Welt bringt, ohne Angst vor Verurteilung oder Rechtfertigung haben zu müssen. Denn ich bin mir sicher, dass jede Frau instinktiv weiß welcher Ort für sie und ihr Kind der Beste ist, sei es in einer Klink mit Kinderstation, in einer Privatklinik, einem Geburtshaus, zu Hause, allein im Wald oder auf dem Mond. Jede Frau soll bestärkt darin sein ihre Entscheidung in die Tat umzusetzen. Was wir dazu brauchen sind nicht zuletzt gravierende Veränderungen im Beruf der Hebamme, bessere Aufklärung für Schwangere und mehr Respekt, Toleranz und gegenseitige Ermutigung egal wie unterschiedlich wir mit unseren Meinungen sind – nicht nur unter Müttern…

Die vom anderen Stern

Mir wird immer mal wieder schmerzhaft bewusst, dass ich seitdem ich Mutter bin zu einer Außerirdischen mutiert bin. Nein Moment, eigentlich ist es anders – diejenigen, die keine Kinder haben, leben auf einem anderen Stern, sie haben keine Chance in unsere Galaxie einzutreten, selbst wenn sie es wollen würden. Kein Verständnis für etwas zu haben was man selbst (noch) nicht erlebt hat ist die eine Sache, aber bei purer Ahnungslosigkeit lohnt es sich hin und wieder doch einfach mal den Mund geschlossen zu halten. Ein Beispiel, über das ich immer wieder schrecklich schmunzeln und dabei unaufhörlich den Kopf schütteln muss: Zehn Tage nach der Geburt meines Sohnes fragte mich eine bekannte allen Ernstes, ob ich mich jetzt eigentlich zu Hause langweilen würde, weil Babys doch eh noch so viel schlafen…

LANGWEILEN!? Ich wiederhole, sie fragte mich das !!!10 Tage!!! nach der Geburt meines 1. Kindes! Jede Mutter wird an dieser Stelle den Kopf schütteln, denn wir wissen: So kurz nach einer Entbindung ist dein Körper auf Hochtouren damit beschäftigt neue Hormone und literweise Milch zu produzieren, zusätzlich den Schlafmangel zu kompensieren, sich von einem enormen Geburts-Wehen & Press-Marathon oder einer Operation zu erholen, zusätzlich die Geburtsverletzungen zu heilen, restliches Blut auszuscheiden und und und… Und damit wären wir NUR mit den körperlichen Dingen durch. Hinzu kommt die enorme Umstellung des Alltags, die absolute Selbstaufgabe für dieses hilflose Wesen, obwohl Körper, Seele & Geist es absolut verdient hätten uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu bekommen. Das so einschneidende und unvergleichliche Erlebnis einer Geburt ist nicht von heute auf morgen verarbeitet, es macht etwas mit uns, es verändert uns, lässt uns spüren zu welch enormen Dingen unser Körper fähig ist, bringt uns zur Verzweiflung, weil nie alles so funktioniert wie wir es uns wünschen würden, Ängste, Sorgen, Unsicherheiten… und macht uns zu einem neuen Menschen – zu einer Mutter…

Das Erlebnis einer Geburt und des Wochenbetts ist etwas so zauberhaft, zerbrechliches und wundervoll-verletzliches zugleich, dass es sich mit Worten nie ausreichend beschreiben oder gar erklären lässt, aber eins ist es sicherlich nicht – LANGWEILIG!

Eine weitere Situation, die mich ebenfalls in der Woche nach der Geburt wirklich verletzte kam von einer meiner besten Freundinnen (die es absolut nicht böse meinte, das weiß ich!). Sie fragte, ob sie nicht mal wenigsten 5 Minuten vorbeikommen könnte um das Baby anzugucken. Als ich ihr daraufhin schrieb, dass die Tage verfliegen und wir leider wegen Verdacht auf Gelbsucht noch ein paar Mal in die Kinderklink fahren müssen, die U2 beim Kinderarzt ansteht und und und, antwortete sie nur: „Oh wow, dein Terminkalender ist ja voller als vorher…“ Aber nein, es geht hier um viel mehr als einen vollen Terminkalender, der sich übrigens in dieser Zeit mit nur einem Termin in zwei Tagen zu voll anfühlt…

Zu guter letzt eine andere mir sehr liebe Person, die zu mir und einer anderen Mutter kürzlich sagte, dass sie mit ihren Kindern kein so langes Theater rund um’s einschlafen machen würde. Sie würde ihnen einfach ein Hörspiel anmachen, das funktioniere bei ihr ja auch immer super zum runterkommen und einschlafen. „Ähm, ja…!“ Dachten wir uns.

Geht ihr anderen erst mal ein paar Schritte in den Schuhen einer Mutter, und ich meine nicht nur bis zur nächsten Ecke mit Sonnenschein… Geht doch noch ein bisschen weiter, in einen Tag hinein an dem das Kind mitten in einem Entwicklungsschub keine Sekunde den Körperkontakt zu dir verlieren möchte, geht weiter hinein in eine Nacht, in der das Kind fiebert, zahnt und bläht (da wird so ein Hörspiel den Säugling ganz sicherlich schnell und sanft in den Schlaf begleiten, während du entspannt ein Vollbad nehmen und dir die Nägel lackieren kannst) und geht weiter in den darauffolgenden Tag an dem du vor lauter Müdigkeit und Knochenschmerzen nicht mehr weißt wo oben und unten ist, dich aber dennoch um dein Kind kümmerst weil das krankschreiben und einfach im Bett bleiben bei Mamas eben noch nicht erfunden wurde…

Wisst ihr, wir alle sollten nicht über andere urteilen oder ihr Verhalten in Frage stellen, so lange wir nicht ein paar mehr Meter in den Schuhen der anderen gelaufen sind. Es ist oft schwer, aber das sollten wir alle lernen…

Körperkontakt ade

Kennt ihr diese Menschen, die bei Kindern jegliche Form von Höflichkeit verlieren und so tun als hätten sich noch nie etwas von einer natürlichen Distanz gehört? Ja, leider kennen wir sie alle. Dass die häufig älteren Herrschaften mein Kind im Hausflur in die Wange kneifen oder ihm den Bauch kitzeln, nachdem sie womöglich ihre dreckige Unterwäsche in die Waschmaschine gebracht, oder ihren Müll in die überfüllten Mülltonnen geleert haben ist die eine Sache… Aber mein neugeborenes im Gesicht zu streicheln, während es eng an mich gebunden im Tuch keinen Zentimeter von meiner Brust entfernt liegt, lässt mich heute noch allein bei dem Gedanken daran erschaudern. So lieb ihr es auch meint, liebe Nachbarn, fremde Passanten und andere Menschen – bitte lasst eure Finger von unseren Babys.

Ich möchte in diesen Situationen gern zur Löwin werden, die samtig reine Haut meines Kindes beschützen und meinen eigenen Schutzraum bestimmt verteidigen… Aber leider tue ich es nicht und ärgere mich nur im nachhinein über das Verhalten meines Nachbarn und noch mehr über meine eigenen Unfähigkeit ehrlich und offen zu sagen was mich stört. Da ist mir doch die Nachbarin, die meinem Sohn alle paar Monate ein Eurostück in den Kinderwagen wirft um einiges lieber – „für ’n Eis“ sagt sie dann und Mama freut sich, genauso wie über die Gratiswurst an der Wursttheke, das beigelegte Milchbrötchen vom Bäcker und den Lolli vom Kinderarzt – an all dem war mein Kind bisher noch nicht wirklich interessiert, aber das müssen ja die großzügigen Schenker nicht wissen 😉

Unsere Flügel

Was früher alltäglich war, wird jetzt zum ganz besonderen Erlebnis! Heute bin ich zum ersten Mal bewusst abends wieder allein in der Stadt unterwegs – seit über einem Jahr! Ich muss zugeben, dass ich mir zuerst sehr komisch und nackt vorkam. „Gucken mich nicht alle Passanten schräg an, als würde ihnen auffallen, dass da etwas an mir fehlt?“ -„Wuah, eine außerirdische, eine Mutter OHNE Kind!?“ Das erinnerte mich an die Frage eine Freundin, die mich in meinen ersten Monaten als Mama einmal fragte, ob ich mich eigentlich nackt fühlen würde, wenn ich mein Kind mal nicht im Tuch vor mir trage.

Ist es nicht wundervoll, wie sehr du & ich eins geworden sind, wie sehr wir einander brauchen und nun Stück für Stück lernen dürfen, die Flügel zu schwingen… Bis du eines Tages fliegen wirst, immer ein bisschen weiter weg, immer ein bisschen länger fort…

Absolut entspannt

Diese Woche beobachtete mich eine bekannte, wie ich einen großen Raum mit einer Ansammlung von Menschen abscannte. Sie fragte mich, was ich suchen würde. Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass ich nur mal eben schauen wollte wo mein Sohn sei (der übrigens am anderen Ende des Raums von einem guten Freund durch die Luft gewirbelt wurde und sich köstlich amüsierte) ergänzte sie: „Du bist angenehm entspannt mit deinem Kind, oder? “ Über mir öffnete sich der Himmel und die Engelsscharen schienen mit einem kräftigen „HALLELUjia, Halleluja, halleluja…“ über mir zu schweben… während ich sicherheitshalber noch mal nachhakte, ob ich wirklich so entspannt wirken würde? Sie bestätigte dies (ich feierte innerlich meine Entspanntheit) und ergänzte daraufhin, dass mein Sohn ja sicherlich auch ein sehr entspanntes Exemplar sei (man kennt dieses Phänomen ja, unter anderen Menschen sind sie nur am lachen, winken und klatschen und zu Hause – na, ihr wisst schon….). Jedenfalls kam daraufhin meine Standardantwort Nr. 3 zum Einsatz: „Tja, das ist schwer zu sagen, ich habe ja keinen Vergleich, kein anderes Kind verbringt 24h mit mir, insofern – es gibt solche und solche Tage (wie im übrigen bei uns erwachsenen ja auch). Es wäre durchaus auch besorgniserregend, würde er ständig nur gut drauf sein…

Das mit dem „entspannt sein“ blieb jedoch eins der für mich nettesten Komplimente in dieser Woche. Besonders auch aus dem Grund, weil ich gerade sehr befürchte mit zunehmendem Alter meines Sohnes bei diversen Wutanfällen in der Öffentlichkeit (habt ihr auch das Horrorbild vom brüllenden Kleinkind auf dem versifften Supermarktboden im Kopf?) absolut NICHT mehr entspannt zu sein. Wobei ich genau das gerne wäre. Ich wäre gerne eine von den Müttern, die sich stumpf neben das mit sich selbst kämpfende Kind setzt und geduldig wartet bis der Wutanfall verflogen, oder das Kind seine Wut vor lauter Verwunderung über mein Verhalten vergisst. So eine Mutter bin ich aber leider nicht. Ich bin eine von der Sorte, die ständig darüber nachdenkt was andere von ihr denken (ich mag diese Angewohnheit absolut nicht an mir, aber hab das Gegengift noch nicht gefunden). Meine Taktik, zumindest in der Theorie und in den eigenen vier Wänden: Lass den Hund niemals deine Angst spüren, sonst kommt er eh an und beißt (oder so ähnlich). In unserem Fall ersetzten wir den Hund natürlich mit dem Kind, aber verhalten uns ähnlich: Einfach ignorieren und seiner bisherigen Tätigkeit folgen, soll helfen – und der Hund sucht von allein das Weite bzw. das Kind findet von allein wieder sein Gleichgewicht. Es könnte alles so einfach sein, wären wir doch einfach in jeder Situation so absolut entspannt…

Vorbild(l)-ich

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich an meiner Mutterrolle verzweifeln könnte. Sprich, ich zweifel stark daran, ob ich wirlich eine gute Mutter bin. Wenn ich genau darüber nachdenke bin ich mir sehr sicher, dass ich eine gute Mutter bin, weil ich meinen Sohn liebe und das Beste für ihn will. Aber nicht an jedem Tag fällt es leicht diese Tatsachen auszuleben. Tatsächlich gibt es auch immer wieder diese Tage an denen ich keine Lust habe mein Kind ständig zu beschäftigen oder gar an mir kleben zu haben. Viel lieber möchte ich andere Dinge tun und manchmal wird mir dann meine Einschränkung bewusst, die meine Mutterrolle mit sich bringt (auch wenn ich versuche diese so gering wie möglich zu halten). In dieser Sekunde quält mich die Frage, ob ich meinen Sohn zu wenig fördere, zu wenig mit ihm spreche oder singe um sein Interesse an Kommunikation zu wecken, ihm vielleicht zu wenig zeige, erkläre oder meine Geduld zu gering ist, um ihm etwas beizubringen. Ich beobachte andere Kindern und sehe was sie alles können oder lese, welche Fähigkeiten andere gleichaltrige haben, die mein Sohn noch nicht hat. Im nächsten Augenblick ärgere ich mich darüber, dass ich mich nicht zuerst über das freue was er schon kann und gerade neues lernt (auch ohne zu vergleichen worin er anderen voraus ist ;). Wie sehr würde ich mir wünschen, dass meine Kinder ohne diese schlechte Angewohnheit erwachsenen Wesen, sich ihr Hab und Gut, Wissen und Können und alles andere unter der Sonne, ständig vergleichen zu müssen, aufwachsen würden.

Auch wenn ich an Tagen wie diesen nicht weiß womit ich ihn bei Laune halten soll oder was ich ihm vielleicht ganz unbedingt beibringen müsste, so weiß ich dann doch wenigstens, was ich ihm absolut nicht beibringen möchte. Daher fasse ich lieber früher als zu spät den Entschluss selbst damit aufzuhören, bevor er es sich von mir abguckt, so wie er es auch bei allen anderen Dingen, die er noch lernen darf tun wird. Denn da fällt mir ein, diese Dinge lebe ich ihm auch ganz ohne Lehrbücher Tag für Tag vor – laufen, sprechen, essen, singen, tanzen, lachen können, weinen dürfen, vertrauen, glauben…

Erlösung

Es ist das wohlig warme Gefühl, dass sich in einer Mutter breitmacht, wenn das Kind seine Augen schließt und einschläft, die Wäsche gewaschen und gefaltet auf der Kommode liegt, die Spülmaschine von selbst ihre Arbeit tut, das Baby endlich sein Bäuerchen macht– all das löst ähnliche Glückshormone bei uns aus, wie Kacka in der Windel nach tagelangen Bauchschmerzen – wie unfassbar befreiend, dieses Gefühl!

Die Mutter von…

…und plötzlich bist du (nur noch) die Mutter von… versteht mich nicht falsch, es ist das Größte für mich, ein unbeschreibliches Privileg, die Mutter meines Sohnes zu sein und ich bin mir sicher, jeder von euch geht es genauso. Aber diese Sache mit der zweiten Reihe fängt ja schon in der Schwangerschaft an. Wenn die Freunde plötzlich nur noch deinen Bauch begrüßen und dich selbst dabei fast vergessen. Später wird dann mit dem Kind gesprochen und gelacht, aber dir hört keiner mehr zu… Bis das Kind dann weint, dann kommen sie alle plötzlich zu dir und fragen die Frage aller Frage: „Och, was hat er denn jetzt?“ „Er kann deine Gegenwart nicht ausstehen, das hat er von seiner Mutter“ – möchte ich in vielen Situationen sagen. Natürlich sage ich das nie, sondern denke mir irgendetwas aus wie: „Der arme hat Bauchweh, die Koliken, da kann man nichts machen“. Oder: „Die Zähnchen kommen, stell dir vor – das ist wirklich schmerzhaft.“ Dann sind alle beruhigt (bis auf das Baby natürlich) und distanzieren sich ganz von selbst. Noch besser: Das Baby kotzt oder sabbert, wer nicht gekonnt zum allseits beliebten Spucktuchtuch greift und dem Kind zum schrecken der Mutter unsanft über das ganze Gesicht wischt, entfernt sich auch dann mit einem angewiderten Gesichtsausdruck in Windeseile. Aber ich schweife ab… Schieben wir den unfreundlichen Sarkasmus meinen Mitmenschen gegenüber auf die hormonellen Umstellungen als junge Mutter und kommen zurück zum Thema an sich: Die Mutter von… spätestens im Rückbildungskurs, bei dem jede Neu-Mutti so tut als wäre der Beckenboden ihr bester Buddy, heißt es beim anschließenden Kaffeeklatsch: “Hier, weißt du, die Mutter von Peter-Hermann, die hat aber…“ Ihr wahrer Name ist leider der Stilldemenz zum Opfer gefallen… Sei’s drum, Hauptsache das Kind ist glücklich und gesund, dann hat selbst die Mutter von Silvia Marie, die sonst immer so… wie auch immer…, nichts mehr zu meckern.